Ein Buch über Lungenkrebs.
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Seit Februar 2021 ist das erste hochselektive Krebsmedikament für Patienten mit fortgeschrittenem RET-Fusions-positiven nichtkleinzelligen Lungenkarzinomen (NSCLC) in der Zweitlinie bedingt zugelassen. Im Rahmen einer NPP-Anwendung berichteten Lungenkarzinon-Experten während eines von Lilly Oncology unterstützten Satellitensymposiums auf dem 61. Kongress der DGP von ihren Erfahrungen mit Selpercatinib und diskutierten Optionen in der Erstlinie.

PD Dr. med. Achim Rittmeyer, Lungenfachklinik Immenhausen, hat im Rahmen von NPP bereits mehrere Patienten mit Selpercatinib (Retsevmo®) behandelt. Exemplarisch referierte er den Fall einer 1942 geborenen Patientin, bei der 2016 die Erstdiagnose eines Adenokarzinoms gestellt wurde. Ihr musste der linke Lungenflügel ektomiert werden. Aufgrund fortgesetzten Progresses befand sich die Patientin, so der pneumologische Onkologe, nach der Drittlinienbehandlung in einer äußerst schlechten Lage. „Eine Lunge fehlt, die andere ist voller Metastasen. Sie können sich vorstellen, wie es der Patientin ging.“

Nach der Gabe von Selpercatinib sahen „wir eine Wahnsinns-Remission.“ Die multiplen Metastasen schrumpften erheblich, verschwanden natürlich nicht ganz. „Die Patientin ist froh, dass sie so gut wieder Luft bekommt. Sie saß initial im Rollstuhl und bekam Sauerstoff, und jetzt kommt sie wieder reingeflitzt, wenn ich sie aufrufe“, so Rittmeyer.

Was verabreichen in der Erstlinie?

Wünschenswert wäre, bekennt der Onkologe, dass Selpercatinib auch in der Erstlinie einsetzbar wäre bei diesen Patienten. Aber das dürfte wohl noch etwas dauern. „Solange geben wir diesen Patienten in der Erstlinie eine Mono-Chemotherapie, weil Checkpoint-Inhibitoren bei RET-Positivität meistens gar nicht funktionieren. Danach können wir dann zulassungsgemäß in der Zweitlinie auf Selpercatinib übergehen“, beschreibt Rittmeyer das Vorgehen in der eigenen Klinik. 

Auch PD Dr. med. Amanda Tufman, München, hat mit dem neuen RET-Inhibitor ein sehr gutes Ansprechen beobachten können. So etwa bei einem Patienten, der eine umfangreiche Vorbehandlung mit einer Radiochemotherapie (Cisplatin und Pemetrexed) sowie einer Erhaltungstherapie mit Durvalumab erhalten hatte und trotzdem progredient wurde. „Dieser Patient erhielt im Januar 2020 Selpercatinib und befindet sich nun bereits seit rund 1,5 Jahren in einem stabilen Zustand der partiellen Remission“, so die Onkologin.

Auch Tufman sieht bei Patienten mit Treibermutationen aktuell eine sehr limitierte Wirksamkeit immunonkologischer Substanzen (IO).  Dies bestätigt eine kleine Studie, referiert Tufman, die zeigte, dass NSCLC-Patienten mit RET-fusionspositiven Tumoren eine kleinere TMB haben als Wildtyp-Patienten [1]. Daher neigt Tufman vorerst dazu, selbst bei einer PD-L1 Expression größer 50 %, eher eine Chemotherapie in der Erstlinie zu applizieren.

Reimund Freye

Literatur:

1. Offin M et al. JCO Precis Oncol 2019; 3: PO.18.00386

Quelle: Satellitensymposium: Unter die Lupe genommen: Selpercatinib – der hochselektive RET-Inhibitor zur Therapie des fortgeschrittenen RET-fusionspositiven NSCLC, im Rahmen des 61. Kongresses der DGP (Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.), 4. Juni 2021. Veranstalter: Lilly Oncology