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Kolorektale Adenome, auch Polypen genannt, sind eine Vorstufe des Kolorektalkarzinoms und werden deshalb bei einer Koloskopie in der Regel entfernt. Damit ist die Gefahr für die untersuchte Person zunächst abgewendet, auch wenn je nach Zahl und Histologie der Polypen zu einer weiteren Über­wachung geraten werden kann. Etwa 20 bis 30 % aller Darmkrebsfälle treten jedoch familiär gehäuft auf. Es ist deshalb möglich, dass ein Polyp auf ein erhöhtes Darmkrebsrisiko von engen Verwandten hinweist.

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften sind international unterschiedlich. Die US-amerikanische „Multi-Society Task Force on Colorectal Cancer“ rät bei fortgeschrittenen Polypen in gleicher Weise zur Darmkrebsvorsorge der nächsten Familienangehörigen wie bei einer Darmkrebserkrankung. Für die British Society of Gastroenterology sind Polypen unter engen Verwandten dagegen kein besonderer Warnhinweis. Die Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften betrachtet kolorektale Adenome nur dann als Hinweis auf ein erhöhtes familiäres Risiko, wenn sie vor dem 50. Lebensjahr auftreten.

Ein Team um Jonas Ludvigsson vom Karolinska Institut in Stockholm hat den Zusammenhang jetzt anhand der Daten der ESPRESSO-Datenbank untersucht, die die histologischen Befunde von allen 28 pathologischen Instituten des Landes speichert, so auch die von Darmkrebspatienten. Aufgrund der in allen Registern einheitlichen Identifikationsnummer der Einwohner konnte Ludvigsson leicht ermitteln, ob bei engen Verwandten von Darmkrebspatienten häufiger Polypen entfernt wurden. Dies war der Fall.

Von 68.060 schwedischen Darmkrebspatienten hatten 8,4 % ein Geschwister oder Elternteil, bei denen bei einer Vorsorgekoloskopie kolorektale Polypen gefunden wurden. In einer Kontrollgruppe von 333.753 Schweden gleichen Alters und Geschlechts ohne Darmkrebs war dies nur bei 5,7 % der Fall.

Ludvigsson ermittelt eine adjustierte Odds Ratio von 1,40, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,35 bis 1,45 signifikant war. Die Odds Ratios variierten unter den einzelnen Polypenformen von 1,23 (1,16 bis 1,31) bei hyperplastischen Polypen bis 1,44 (1,36 bis 1,53) bei tubulovillösen Adenomen.

Wenn gleich bei 2 oder mehr Verwandten ersten Grades Polypen gefunden wurden, erhöhte sich das Darmkrebsrisiko weiter. Die Odds Ratio betrug dann 1,70 (1,52 bis 1,90). Eine Diagnose von Darm­polypen vor dem 50. Lebensjahr steigerte das Darmkrebsrisiko der Angehörigen ebenfalls. Die Odds Ratio lag jetzt bei 1,77 (1,57 bis 1,99).

Familiäre Darmkrebserkrankungen treten häufiger in einem jüngeren Alter auf. Bei 2 oder mehr Verwand­ten ersten Grades mit Polypen steigt das Risiko auf einen Darmkrebs vor dem 50. Lebensjahr um den Faktor 3,34 (2,05 bis 5,43) und um den Faktor 5,27 (2,54 bis 10,91), wenn die Darmpolypen bei den beiden engen Verwandten vor dem 60. Lebensjahr entdeckt wurden.

Die Studie zeigt damit, dass neben Darmkrebserkrankungen auch die wesentlich häufigere Diagnose von Darmpolypen ein Warnzeichen für die nächsten Verwandten sind. Das absolute Risiko hält sich jedoch in Grenzen. Der Nachweis eines Polypen bei einem Verwandten ersten Grades steigert in Schweden das absolute Risiko eines Mannes, im Alter von 60 bis 64 Jahren an Darmkrebs zu erkrankten, von 67,9 auf 94,3 pro 100.000. Für Frauen ermittelt Ludvigsson einen Anstieg von 64,1 auf 89,1 pro 100.000.

Unklar bleibt, ob das erhöhte Risiko allein auf genetische Faktoren zurückzuführen ist. Der Lebensstil und die gemeinsame Ernährung in einer Familie könnten ebenfalls eine Rolle spielen.

Originalpublikation: Song M et al. Risk of colorectal cancer in first degree relatives of patients with colorectal polyps: nationwide case-control study in Sweden. BMJ, 2021; DOI: 10.1136/bmj.n877

Quelle: Ärzteblatt